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Over There
von Martin Mühl
In den vergangenen Wochen sind mehrere DVDs erschienen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Krieg in Afghanistan auseinandersetzen. Allesamt Annäherungen an das Unverständliche.
Vor nicht viel mehr als 10 Jahren tobte in Südeuropa noch ein blutiger Krieg. Für den Rest der Europäer hingegen haben kriegerische Auseinandersetzungen seit einem halben Jahrhundert jegliche praktische Bedeutung verloren – Krieg in Mitteleuropa ist inzwischen unvorstellbar geworden. In anderen Gegenden der Welt ist das nicht so – zum Beispiel in Afghanistan. Vom dort seit Jahrzehnten andauernden Krieg erzählen Filmemacher aus verschiedenen Perspektiven in ihren zum Großteil jüngst auf DVD veröffentlichten Werken. Bereits 2007 erschien "Taxi To The Dark Side". Eine US-Dokumentation, die anlässlich des Todes des afghanischen Taxifahrers Dilawar Fragen nach der Systematik von Folter und der Aushöhlung von Menschenrechten stellt und gleichermaßen schnell wie nachvollziehbar bei den Granden der damaligen US-Regierung landet. Der Film lässt Gefangene (z.B. Guantanamo-Insassen) zu Wort kommen und die ebenfalls befragten Soldaten nicht aus der Verantwortung. Trotzdem wird schnell klar, dass die treibenden Kräfte für die Missstände in den heimatlichen US-Head Offices zu suchen sind. Den hier aufgezeigten Verwicklungen und Hintergründen bleibt wenig hinzuzufügen – sie bleiben verabscheuungswürdig und bestehen zum Teil bis heute.
Kritische Distanz vs. US-Patriotismus
Neuere Produktionen versuchen vielleicht auch deswegen, andere Blickwinkel zu finden und wagen sich näher ans Geschehen. So auch der polnische Filmemacher Jerzy Skolimowksi mit seinem Spielfilm "Essential Killing". Darin lässt er jegliches System unbeachtet und reduziert alles auf die eine Frage: Du oder Ich – es wird nur einer überleben. Vincent Gallo gibt den Taliban-Kämpfer Mohammed, der sich in die Ecke (eine Höhle) gedrängt fühlt und drei US-Soldaten mit einer Panzerfaust tötet. Er wird aufgegriffen, nach Ost-Europa transportiert, kann aber fliehen und befindet sich daraufhin – barfuß im Schnee – auf der Flucht. Treffen mit anderen Menschen (Soldaten und Zivilisten) enden hier meist tödlich. Skolimowski überzeugt mit Reduktion, erreicht aber nicht die mystische Größe wie etwa Nicolas Windig Refns ähnlich angelegtes "Valhalla Rising".
"Restrepo", der US-Dokumentarfilm von Sebastian Junger und Tim Hetherington, konnte bereits einige Preise gewinnen und ist für noch weitere – unter anderem den Oscar – nominiert. Junger und Hetherington begleiteten ein Platoon der US-Armee ins heftig umkämpfte Korengal-Tal nahe Pakistans. Dort bemühen sich die Soldaten um Kontakt zu Zivilisten, versuchen diese als Mitarbeiter beim Bau einer Straße zu motivieren und wollen sie dazu bringen, ihre aufständischen Verwandten und Bekannten zu verraten. Das Platoon wird beinahe täglich in Kämpfe verwickelt. Restrepo ist dabei der Name eines Soldaten, der früh im Einsatz stirbt und nach dem ein vom Platoon errichteter Außenposten benannt wird. Als embedded journalists sind Junger und Hetherington direkt am Geschehen und gewähren einen nahen Einblick – allerdings aus stark US-patriotischem Blickwinkel. Die Soldaten sind vom Erlebten gezeichnet, ihre Handlungen werden aber zu keiner Zeit in Frage gestellt. Trotzdem sorgte der Film in den USA für Aufsehen und hat die nationale Diskussion über den Afghanistan-Einsatz wieder aufleben lassen. Tim Hetherington kam im April 2011 in Lybien ums Leben, wo er sich als Fotograf und Kriegsberichterstatter aufhielt.
Einer Gruppe dänischer Soldaten folgte der Regisseur Janus Metz für seinen Dokumentarfilm "Camp Armadillo" nach Afghanistan. Die jungen Rekruten kommen als Friedenstrupp mit Lust auf Action an den umkämpften Außenposten. Sie verbringen die Tage mit Patrouille und Warten, kommen dabei aber nicht ohne Schusswechsel aus. Immer wieder müssen sie mit den Einheimischen in Kontakt treten, um etwa über die Abdeckung von Kollateralschäden zu verhandeln. Im späten Zentrum des Films steht ein Kampf, bei dem fünf bewaffnete Afghanen getötet werden – mit Maschinengewehren und Handgranaten. Härte und Ironie der dänischen Soldaten schlagen in Zynismus um. Die Getöteten bleiben gesichtslos – aber die Gesichter, Geschichten und Erzählweisen der dänischen Soldaten haben sich verändert. Viel näher als in diesem Film kommen Kameras wohl kaum je an reale Kampfhandlungen und den zermürbenden Soldaten-Alltag. Bei beiden gibt es keine Überraschungen – und doch bleiben traurige und harte Eindrücke lange erhalten. Hier gibt es keine Helden wie in "Restrepo", hier ist eine kritische Distanz des Regisseurs zu den Soldaten bzw. ihren Handlungen spürbar. Laut Berichten hat der Film in Dänemark eine offizielle Stellungnahme zum Afghanistan-Krieg veranlasst und Fehltritte einzelner Soldaten wurden daraufhin untersucht.
Wo "Taxi To The Dark Side" die gesamte politische Systematik des Kriegs ins Visier nimmt, bleibt "Camp Armadillo" nahe an den Einzelpersonen und begleitet diese, ohne zu verurteilen oder irgendetwas zu beschönigen. Alle beschriebenen Filme liefern am Beispiel Afghanistans nicht überraschende aber doch verstörende Einblicke in das System Krieg. Vieles bleibt für mitteleuropäische Zivilisten wenig nachvollziehbar – und keiner der Filme motiviert, daran freiwillig etwas zu ändern.
"Taxi To The Dark Side" (ThinkFilm), "Restrepo" (Kinowelt), "Essential Killing" und "Camp Armadillo" (beide Ascot Elite) sind bereits auf DVD und teilweise Blu-Ray erschienen.


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