Tapetenwechsel?
07.05.2012
» film

Lustige böse Zellen

von Klaus Buchholz  


Das junge neue Krebs-Kino trotzt dem Tod mit einem Witz, der seine eigene Melancholie herausfordert. Filme wie „50/50« oder »La Guerre est déclarée« proben den Aufstand mit Humor. Diagnose: Es wird tabuloser, scherzhafter und gelassener.

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Quelle: The Gap 126


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Krebs bedeutet nicht selten, sich von der Welt zu verabschieden, während der Körper zerfällt. Witzig ist das nicht, und es sieht auch weder ästhetisch schön noch aufregend fotogen aus. Die Frage ist, wie der Einzelne jeweils auf die Schicksalsdiagnose reagiert. Allein in Europa erkrankt etwa jeder dritte Bürger im Laufe seines Lebens an Krebs. Die meisten Krebsarten entstehen grundlos. Ohne oft den Ursprung zu kennen, bleibt Krebs eine allgegenwärtige Todesursache, mit der gerechnet werden muss, quer durch alle Kontinente, Gesellschaftsschichten und Generationen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass im Jahr 2030 rund 13,1 Millionen Menschen weltweit an Krebs sterben werden (derzeit sind es mehr als 7,6 Millionen Menschen; Krebs bleibt die weltweit häufigste Todesursache). In den meisten Fällen treten Krebserkrankungen im höheren Alter auf, was Krebs für alternde Gesellschaften zwangsläufig zum Thema macht.

Das spiegelt sich auch in der wiederkehrenden Auseinandersetzung im Kino oder Fernsehen wieder. Aktuell wird die Mystik der heimtückischen Krankheit mit einem Humor aufgebrochen, der das Absurde im Leben mit Krebs offenlegt. Die Antworten aus der Filmwelt werden unaufgeregter, ihre Pointen gehen dafür umso tiefer. Langsam verschieben sich ihre Paradigmen hin zum Lustspiel mit Tumoren: derzeitige US-Serien wie »Breaking Bad« oder »The Big C« nutzen die Komik des Krebsalltags für ihr (junges) Publikum. Dieses ist – statistisch betrachtet – längst von bösen Zellen umzingelt.

Krebs als komischer Cliffhanger

Bryan Cranston (nun wohl endgültig nicht mehr bloß der Vater aus »Malcolm mittendrin« bekannt) verkörpert seit 2008 in der US-TV-Serie »Breaking Bad« glorreich den Chemielehrer Walter White, der nach einer Lungenkrebsdiagnose zum fatalistischen Crystal-Meth-Drogenkoch wird, um schnell an viel Geld zu kommen – für seine schwangere Frau und seinen Sohn. Während die Metastasen in ihm wachsen, steigt er mit seinem Komplizen Jesse immer tiefer in die Kriminalität ab.

Im Juli wird nun die fünfte und letzte Staffel von »Breaking Bad« ausgestrahlt. Kleinbürgerliche Moralvorstellungen und finanzielle Ernüchterung prallen noch einmal auf Überlebensinstinkte und Spiralen der Gewalt. Der Humor bei »Breaking Bad« ist bitterböse, absurd und zynisch. Das produziert ungeschönte Narben an seinen Charakteren, unpathetisch arbeiten sie sich aneinander ab. Große Moraldiskurse werden zwar eingeleitet, aber auch von den matt gefärbten Figuren wieder an die Wand gefahren. Hier reißt der Krebs alle Beteiligten aus der Couch, besonders die Zuschauer. Zunächst wird ihnen die Diagnose als dramaturgischer Impulsgeber präsentiert. Der kahl rasierte Kopf von Walter White spuckt immer wieder Blut, kotzt oder verliert sich. Die familiären Konflikte kreuzen sich mit den kriminellen in kruden Storylines. Der eigentliche Schmäh um den Krebs gedeiht dann zwischen Prekarität, Alltagsdilemmas und allgemeiner Betroffenheit. Denn über all dem thront eine außergewöhnliche Absurdität. Dadurch wird die Erkrankung kaum als dunkle Bedrohung mystifiziert, stattdessen brettert den Zuschauern ein trockener Sarkasmus entgegen. Das untergräbt die Beklemmung in den Wohnzimmern, lässt unverkrampft lachen und wirkt nachvollziehbar. In diesem Sinn bleibt Krebs das narrative und komische Moment von »Breaking Bad«. So gesundet keine der Folgen am auffrischenden Witz der Serie.

Der ganz normale Irrsinn

Nervöser, bunter und braver geht es derweil bei den Wohlfühl-Episoden von »The Big C« zu. Behutsam spielt Laura Linney (»The Truman Show«) eine krebskranke Lehrerin Mitte 40. Mit der Diagnose kehrt sie plötzlich ihre Lebenslust nach außen, um bisherigen Auslassungen nachzukommen. Im Angesicht des Todes kann sie endlich selbstbewusst, naiv, sexy, laut und narzisstisch sein. Die größtmögliche Veränderung und der innere Frieden der Hauptfigur sind genretypische Ziele dieses Plots. Das verspricht moralische Spannung und empathische Zuschauer. Denn Krebs betrifft und macht betroffen. Das Damoklesschwert kratzt hier ebenso an melodramatischen Klischees, wie am wütenden Charme einer stereotypen Hauptfigur. Die wiederkehrende Überforderung ihrer Person provoziert absurde Situationskomik.

Unter die Haut, nicht bis in die Knochen

Auch hier macht die Krankheit den Humor trockener und zugänglicher. Entsprechend den vorstädtischen Gegebenheiten: anders als bei »Breaking Bad« spielt Geld keine Rolle in »The Big C«. Das gehoben mittelständische Vermögen garantiert der Protagonistin beste medizinische, kulturelle und soziale Versorgung. Über Krebs lachen zu können, hat offensichtlich auch mit Privilegien und Souveränität zu tun. Mit abschätzbarem Witz will »The Big C« so unter die Haut, aber nicht bis auf die Knochen gehen. Unschöne Notlagen sind weitestgehend unsichtbar. Wie in vielen Krebsgeschichten zuvor, versöhnt sich auch hier die Individualisierung mit bürgerlichen Normen. Das stabilisiert die Gesellschaft, appelliert sanft an eine bessere Welt und macht es dem Zuschauer einfacher, Abschied zu nehmen.

 

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