Tapetenwechsel?
08.08.2012
» voice over

Introducing: Olivia Colman

von Klaus Buchholz  


Die Kunst subtiler Comedy beherrscht Olivia Colman zur Perfektion. Das Missbrauchsdrama »Tyrannosaur« offenbart sie endlich als atemberaubende Charakterdarstellerin.

Bild: Intro.jpg


Quelle: The Gap 128


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Es dämmert langsam, als Hannah die Tür ihres Reihenhauses in einer britischen Vorstadtsiedlung öffnet. Sie ist allein. Aus der Küche holt sie ein großes Glas Rotwein samt Flasche, ehe sie auf der Couch Platz nimmt und ihren Blick durch das halbdunkle Wohnzimmer schweifen lässt. An der Wand hängt ein prominent platziertes Hochzeitsfoto, sie schaut zur Seite. Schnitt. Ihr Ehemann kommt nach Hause, betritt den Raum, ruft mehrmals ihren Namen, schaltet das Licht aus und ein. Sie reagiert nicht. Plötzlich stellt er sich vor die Couch und uriniert auf ihren Körper. Er geht, während sich Hannahs Augen plötzlich öffnen und ihr leerer Ausdruck die Kamera durchdringt.

Mit diesen Szenen wird das Publikum von »Tyrannosaur« erstmals an die Brutalität herangeführt, die noch über Olivia Colman und ihre tragische Protagonistin hereinbrechen wird. Das preisgekrönte Gewaltdrama des britischen Schauspielers und Regisseurs Paddy Considine verlangt viel von seiner Hauptdarstellerin. Die 38-Jährige antwortet auf die Wucht ihrer Szenen mit stoischer Unterdrückung. Bis zu ihrem atemberaubenden Finale hält sie damit beinah die ganze Spannung dieses Films aufrecht, der sie anfangs trügerisch als bloß zweite Hauptrolle scheinen lässt. Als verzweifelt hoffnungsvolles Missbrauchsopfer spielt sie Peter Mullan geradezu im Vorbeigehen an die Wand. Obgleich seine Figur ihr letztlich dabei hilft, auszubrechen (er gibt hier den gewalttätigen, arbeitslosen Trinker auf dem Scheideweg). Sie ist es gewohnt, im Team zu brillieren.

Peep Show

Seit Jahren huscht Olivia Colman erfolgreich durch Sketches und Serien des britischen Comedy-Fernsehens. Die Ehefrau und Mutter zweier Kinder wird als verlässlich komische Konstante in Formaten wie »Bruiser«, »Peep Show«, »Green Wing«, »Beautiful People«, »Rev« oder zuletzt »Twenty Twelve« wahrgenommen. Besonders in der Serie »Peep Show« brodelt sie in der Rolle der gütig-melancholischen, aber bestimmten Sophie, die über der hinterhältigen Hauptfigur Mark (großartig intrigant: David Mitchell) triumphieren darf.

2011 erlebte ihre Karriere eine Richtungsänderung. Die in Interviews stets viel zu bescheidene Colman schaffte es, an der Seite der dominierenden Meryl Streep in »The Iron Lady« als fürsorgliche Tochter auf sich aufmerksam zu machen. Ihre durchdringende Performance in »Tyrannosaur« beeindruckt schließlich restlos die Jurys der internationalen Festivals und bescherte ihr zahlreiche Filmpreise. Die gedrosselte Kraft und unmittelbare Verzweiflung, die sie in den Schlussszenen des Films entfesselt, überrascht nachhaltig. Olivia Colman offenbart sich damit als eine packende Charakterdarstellerin, die das britische Kino auch in Zukunft beeindrucken wird.

 

»Tyrannosaur« ist via Kino Kontrovers auf DVD erschienen.

 

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