Tapetenwechsel?
06.07.2011
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Dogtooth: Die totale Vaterschaft

von Klaus Buchholz  


Yorgos Lanthimos lässt uns mit »Dogtooth« vor abgründigen Familiensystemen erschaudern und gleichzeitig über sie lachen.

Bild: Dogtooth-Poster02.jpg


Quelle: The Gap 117


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Lebensbedrohliche Allmachtsfantasien, zur Perversion getriebene Autorität, unfassbare Pädophilie oder nur innerfamiliärer Inzest verweisen auf Abgründe, die aus der gesellschaftlichen Mitte entspringen. Abgründe, die das kleine Österreich berühmt machen und die auch anderswo den Alltag sprengen. Die Schrecken der Josef Fritzls und Wolfgang Prikopils dieser Welt lassen sich universell erzählen. Vor einem Jahr sicherte sich Bernd Eichinger die Filmrechte an Natascha Kampusch, um aus ihrem Leben ein Biopic zu bauen. Im Januar verstarb Eichinger. Das Entführungsopfer Kampusch wird dennoch das Kinopublikum betroffen machen, Drehbeginn 2012. In der Zwischenzeit wurde der Österreicher Michael Schleinzer mit seinem Debüt »Michael« im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes nominiert. Schleinzer erzählt von einem Buben, der von einem 35-jährigen Pädophilen im Keller gefangen gehalten wird. Auf eine Interpretation von Natascha Kampusch will er sich bei seinem »Michael« aber nicht reduzieren lassen. Er betont in Interviews, kein originär österreichisches Thema zu behandeln und verweist stattdessen auf die vielen internationalen Fälle von Kindesmissbrauch. Ähnlich argumentiert auch der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos, wenn er nach Inspirationen zu seinem grotesken Familiendrama »Dogtooth« (2009) gefragt wird. Er habe angesichts der surrealen Substanz seiner Story erst gar nicht recherchiert, sondern sie unmittelbar erarbeitet. Die österreichische Realität hat seine Kinoarbeit schließlich eingeholt. Darüber hinaus geht es bei »Dogtooth« sehr stark um die Lächerlichkeit des abgründigen Menschen. Mit düsterem Humor stellt Lanthimos die perversen Machtstrukturen einer fünfköpfigen Familie aus, deren drei Kinder allesamt erwachsen sind, aber nie das Haus verlassen haben. Nur der Vater bewegt sich jenseits des abgezäunten Anwesens, arbeitet, kauft ein und schottet die Außenwelt absolut ab. Gemeinsam mit der autoritär funktionierenden Mutter hat er seine Sprösslinge einem perfiden Erziehungssystem unterworfen. Manipulation, Desinformation und irrationale Gewalt zerstören Illusionen und schaffen Komik fürs unfreiwillig gekitzelte Publikum. Der Alltag der Kinder wird von bizarren Spielen, grausamen Bestrafungen und lächerlichen Mythen bestimmt. Das physische Schauspiel und die latente Aggression der Figuren lässt den karg gerahmten Film aufregend zittern. Unfreiheit schafft immer gegenseitige Abhängigkeiten und wird weltumspannend gelebt, nicht selten bis zum fatalistischen Extrem. »Dogtooth« ist ein außerordentliches Modellspiel mit überwältigendem Witz, der nicht nur in Österreich den Atem raubt.

»Dogtooth« ist bei WVG Medien GmbH auf DVD und Blu-Ray erschienen.

 

 

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