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Wo sind wir gelandet?
Anna Maria Krassnigg ist seit Anfang Juli Professorin für Regie am Reinhardt-Seminar. Seither sieht sie sich einem leichten Scheißeregen ausgesetzt. In The Gap sinniert sie über Untergriffe und "die Bedeutung".
Neulich nachts schrieb mir ein Kollege, Bühnenbildner, und Mann der ruhigeren Gemütsart, er läge mir, angesichts des „Shit - Storms“ dem er mich ausgesetzt sähe, eine alte Wiener Kur ans Herz: das Eintauchen in Helmut Qualtingers Wienerlied: „Bei mir sads alle im Orsch daham “. Ich kam der Anregung nicht unmittelbar nach, habe stattdessen überlegt, was genau ihn - wie manch andere - zu solchen „Fäkalüberlegungen“ bewogen haben mag.
Die Fahrlässigkeit der Kolporteure
In der Hauptsache ist es wohl die flächendeckende - durch vereinzelte couragierte Relativierungen kaum gestörte - einseitige und vor allem zutiefst unprofessionelle „Berichterstattung“ über meine Ernennung zur ordentlichen Regieprofessorin am Reinhardt-Seminar, die - freilich neben der üblichen Häme - Empörung und Fassungslosigkeit auslöst. Das absolute Fehlen von Recherche, eine Fahrlässigkeit im Umgang mit Zitaten sondergleichen und ein reflexartiges Engagement für oder gegen Dinge und Personen, die man gar nicht zu beurteilen in der Lage ist, weil offenkundig alle relevanten Informationen gänzlich oder zum großen Teil fehlen, zeigt ein Bild des Journalismus, das man aus der „Yellow Press“ kennt, das in sogenannten Qualitätsmedien aber wohl überrascht.
Folgende Fragen stellen sich dem aufmerksamen Leser oder Zuseher, der keinem Lager angehört, bei der medialen Aufbereitung des halbgaren Informationsbreis doch sofort:
- Wie kann jemand, der angeblich so schlecht beurteilt wird wie die neue Professorin, neun Jahre im Fach Regie am „legendären Institut“ unterrichten?
- Wieso hat es nicht längst „Studentenrevolten“ gegen sie gegeben?
- Wie gelangte diese Dame überhaupt in einen Dreiervorschlag der Berufungskomission?
- Was ist eigentlich „antidemokratisch“ und „dreist“ an der weltweit üblichen Praxis, aus dem Vorschlag nicht reihungsgemäß zu wählen?
- Warum hält es das Reinhardt-Seminar und die berichtende Zunft für problemlos und opportun, eine Intendanz in Köln mit einem Ordinariat in Wien zu verbinden?
- Besonders merkwürdig: Warum gibt es keine Nr. 2 im Vorschlag? Etwa weil es a posteriori besser wirkt „die Drittgereihte“ vom „Erstgereihten“ abzusetzen?
Und schließlich die Generalfrage an die „Berichterstatter“: Wieso recherchiert niemand, wie ein solches Verfahren läuft, wie es in diesem Fall verlaufen ist und welche Art von Job hier überhaupt besetzt werden soll?
Mühsam? Nicht unterhaltend? Nicht subjektiv? Schlicht: Unspektakulär?
Keine der Fragen des aufmerksamen Rezipienten wurde von den Medien aufgegriffen, keinerlei Antworten eingefordert. Gute Zeiten für Kampagnendesigner und Meinungsmacher.
Verdrängtes und Vergessenes
Hätte man nämlich aufgehorcht, oder gar nachgefragt, wäre vielleicht folgendes zu Tage gekommen:
Die neue Professorin wurde mehrmals in Folge offenbar ausgezeichnet evaluiert. Das ist nämlich die Grundbedingung für die (nur in Ausnahmefällen gewährte!) Verlängerung einer Gastprofessur. Die Zufriedenheit der Studierenden und vieler KollegInnen war in dieser Zeit demgemäß ungewöhnlich hoch und gipfelte im vielbeachteten Festival „ZORN“ der Regieklasse, von dessen Existenz mit seinen prämierten und international eingeladenen Inszenierungen weder die Homepage noch die Nomenklatura des Instituts Zeugnis ablegen wollen. Nicht nur deshalb gab es immer wieder Beschwerden der Studierenden, allerdings keineswegs gegen die Regieprofessorin, vielmehr gegen die Institutsleitung, die schließlich auch im Frühjahr 2012 auf Bestreben der Studierenden zurücktrat.
Die Ausschreibung verlangte ausdrücklich einen lehrerfahrenen, anwesenden Pädagogen mit Zentrum in Wien, der zusätzlich zum Unterricht vor Ort entscheidende Gremialarbeit an der Universität und am Institut übernimmt. Von Agenturtätigkeit war hier nicht die Rede. Sehr wohl aber vom Wunsch nach qualifizierten Frauen.
Es gibt also offensichtlich starke Gründe, dass derlei Unausgesprochenes im Dunkeln bleibt. Die wohlige Gemeinsamkeit der Entrüstung und die überhebliche Gemeinsamkeit und also auch Gemeinheit des bedeutenden „Kennerurteils“ verbinden sich zu einem fragwürdigen Amalgam, dessen Verlockung bisher nur wenige (dafür umso wertvollere) JournalistInnen widerstanden haben.
Erstaunlich bleibt, dass sich wichtige Medien wie „Die Süddeutsche“ und ORF1/ ORF2 als besonders tendenziös und fahrlässig erwiesen haben.
Wo sind wir gelandet? Und was bedeutet das für die Berichterstattung über Dinge, die weit wichtiger sind als dieses durchschaubare Possenspiel?
Die „Bedeutenden“
Eines der bezeichnendsten Erlebnisse in der gegenständlichen Sommerlochaffäre war der Anruf einer sehr erfahrenen (nicht involvierten) Journalistin, die mich beschwor, „mich mit denen nicht einzulassen“. Ein ehrlicher und gut gemeinter Rat, aber: Wie bitte? Wer sind „die“? Natürlich verstand ich, wen sie meint: Jene „Bedeutenden“ (JournalistInnen, IntendantInnen, AutorInnen), die es in jeder Branche gibt und die eine Zeit lang bei sonstiger Verfemung unangreifbar, ja geradezu „das Gewissen der Nation“ sind.
Dennoch: wer sind die, dass ihnen die abstruse Macht zukäme, andere ungestraft und ohne Kenntnis der Person abzuurteilen, ihren „Wert“ zu taxieren, sie ins Reich der „Bedeutungslosigkeit“ zu verweisen?


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