Tapetenwechsel?
12.09.2012
» medienkultur

Ginsberg wollte meinen Körper

von David Baldinger  


Dem Mann entkommt man dieser Tage nur schwer. David Schalko präsentiert mit Ursula Strauss ein Kochbuch, läutet eine neue Staffel der Sendung Ohne Namen ein, stellt Braunschlag vor und kündigt ein Drehbuchduett mit Daniel Kehlmann an. Wie viele Stunden passen in einen Schalko-Tag? 

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Copyright: Werner Streitfelder


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David Schalko schwingt das Sakko über die Sessellehne, das Cafe Ritter auf der Wiener Mariahilferstraße wird vom Tageslicht spätsommerlich ausgeleuchtet. Nein, rauchen ist nicht mehr. Seit dem "Aufschneider"-Drehs raucht er nur mehr, wenn er trinkt. Tee darf es sein. Der Herbst liegt in der Luft, aber Wien schaut weg und wehrt sich beharrlich mit trotzigem Kurzarmoutfit. Schalkos Haare sind länger als erwartet, wohl ein Resultat der Ferien am Land. Kommendes Jahr wird er 40 – sein Alter erwähnt er immer wieder. Zwischen einem leicht überraschten "gut" auf die Frage nach dem Befinden und einem Sommergewitter, das Schalko kommen fühlt, spricht der ORF-Qualitäts-Vorzeigemann über seinen "Haussender", seine Ängste, Dallas und Allen Ginsberg. Sein Tee darf eine Dreiviertelstunde ziehen, bevor Schalko ihn wieder bemerkt.

 

Sport?

Nein, leider. Bis 18 war ich sehr sportlich und dann mit der Matura: aus. Völliges Gehenlassen.

Bist du mit Kabelfernsehen aufgewachsen?

Ja, ich bin aber auch noch ohne Kabelfernsehen aufgewachsen - so alt bin ich schon. Da gab's sogar noch das Viertel-Telefon. Man musste immer warten, wenn der Nachbar gesagt hat, er erwartet ein wichtiges Gespräch, man soll bitte die nächste Stunde nicht telefonieren. Irgendwann Mitte der 1980er haben wir dann Kabelfernsehen bekommen, da war natürlich MTV das prägende.

Wie wurde in deiner Kindheit Weihnachten gefeiert und wie feierst du als Vater zweier Töchter?

Stille Nacht kam damals von einer Schallplatte, jetzt kommt es von einer CD. Es ist eine Mischung aus dem, wie meine Frau Weihnachten als Kind gefeiert hat und wie es bei mir war. Wir machen die Bescherung mit den Kindern in der Früh. Sie wachen am 24. auf und das ist dann fast netter. Ich find's ja auch blöd, dass zu Weihnachten alles unter dem Konsumwahn stattfindet und es nur um Geschenke geht. Ich finde es angenehm, wenn das ein schöner Familientag ist. Ein ruhiger Familientag.

Hattest du jemals einen Unfall, der Dich das Leben mit anderen Augen sehen ließ?

Einen Unfall? Ich hatte viele einschneidende Erlebnisse was das betrifft. Selbstmorde von Bekannten, wo man aufwacht und das Leben neu zu schätzen lernt. In meinem Alter ist man leider sehr oft damit konfrontiert, dass immer mehr Leute sterben. Das macht einem aber auch die Qualität des Lebens bewusst.

Was ist deine lästigste Geruchserinnerung?

Extrawurst als Kind. Da habe ich einmal in eine Tiefkühltruhe im Supermarkt gespieben weil mir so gegraust hat. Jetzt ist es Zimt, wenn ich Zimt rieche, muss ich an einen Tequilarausch mit 16 denken, bei dem ich auch gespieben hab. Seither kann ich keinen Zimt mehr essen. Das hat sich konditioniert.

Gibt es in deinem Leben eine Angst, wo man zwar weiß, dass sie rational völlig unbegründet ist, die einen aber immer wieder überrascht?

Höhenangst und Klaustrophobie habe ich beides. Sehr stark. Es ist schwierig. Wenn man ein 20-stöckiges Haus zu Fuß rauf gehen muss, überwindet man die Angst eher als wenn es dreistöckig ist. Drei Stöcke gehe ich aber zu Fuß. Aufzüge und enge Räume sind ein Problem. Ich hatte früher Flugangst, die hab aber ich durchs viele Fliegen eigentlich verloren. Im Alter ist dann die Höhenangst gekommen, die hatte ich früher nicht. Die kam.

Wie viel Cut-up Methode von Burroughs steckt in der SON?

Cut-Up ist es eigentlich nicht, weil Cut-Up beruht ja darauf, dass man einen Text zerschnipselt und ihn dann zufällig zusammenwürfelt. Die Sendung Ohne Namen ist aber nicht zufällig zusammenwürfelt, das Bild hat ja immer etwas mit dem Wort, das gesagt wird, zu tun. Insofern wenig Cut-Up Methode. Aber die Ästhetik ist eine ähnliche wie bei den Kurzfilmen von Burroughs und Gysin. Wie man das auch von Musikvideos kennt.

Hast du darüber auch mit Allen Ginsberg gesprochen? Du hast ihn ja einmal getroffen.

Ich glaub, Ginsberg hat sich in erster Linie für meinen Körper interessiert. (Schalko lacht) Nach einer Stunde war ihm dann klar, dass da nichts zu holen ist, dann war ich nicht mehr so interessant für ihn. Ich hab natürlich versucht, ihn über die Beatnik auszufratscheln. Er war sehr freundlich und sehr lustig. Es waren aber auch sehr viele Leute an diesem Tisch. Das war im Rahmen der Schule für Dichtung. Ewig her. Locker 20 Jahre. (Ginsberg war 1993 für die "analoge klasse": "mind writing slogans" zu Gast bei der Schule für Dichtung, Anm.) Ginsberg war ein alter, dicker Mann, der aber sehr liebenswürdig war und sehr offen - für junge Männer. Aber mich hat Burroughs immer mehr interessiert. Ginsberg war mir immer zu hippie-esk. Burroughs fand ich viel revolutionärer und radikaler. Ich finde auch, dass Burroughs letztendlich kein richtiger Beatnik-Schrifsteller ist, weil er eigentlich über etwas anderes schreibt. Er war älter als die anderen, aus einem anderen Milieu und hatte einen ganz anderen Blick auf die Welt.

 

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