Tapetenwechsel?
22.12.2011
» prosa

Zeuge der Anklage

von Manfred Gram  


Lukas Meschik, hochtalentierter Schriftsteller und als Filou einer der spannendsten Popnewcomer des Jahres, lässt einen gewaltigen Wortschwall übers Jungsein aus. 

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Ziel ist das Sprechen in der Unmöglichkeitsform, das zu tun, wogegen die Zeit seit jeher sich sträubt: Angehalten zu werden. Es ist wider ihre Natur. Es ist ein antizeitischer Vorgang, den Moment zu konservieren.
Subjektive Eindrücke, die zu allgemeingültigen Aussagen anschwellen wie das mittige Röhren rückgekoppelter Verstärker. Ohne eingestreute Autobiographismen wird es auch hier wieder nicht gehen. Das lyrische Ich verlangt nach einem unlyrischen, lebendig wandelnden Ich, auf das es sich berufen, in das es sich zurückziehen kann.
Unser baldiges Damals, weil wir vergessen haben werden, wie es ist, morgen schon, einmal um die Ecke gegangen, hat man sich zum anderen hin verändert, der man sich schwor, niemals zu sein.
Im Rückblick dann sind wir uns verschwommen.
Deshalb jetzt alles glauben und jetzt alles hoffen und jetzt alles dürfen und jetzt alles sagen und jetzt alles zu können meinen, morgen schon fehlt uns dazu die Kraft.
Heute aber haben, heute sind wir die Kraft.

Unser baldiges Damals: Geschichte einer Generation.

Es ist genug, jetzt.
Es ist jetzt genug!

Ihr glaubt, wir wissen nichts.
Dabei wissen wir alles.

Wir lesen alle Zeitungen und alle Bücher
Wir sehen alle Filme und alle Theaterstücke
Wir hören alle Musik und wir tanzen dazu
Denn der schönste Walzer ist der Tanz
Wir besuchen alle Ausstellungen
Wir bilden uns zu allem eine Meinung

Wir gehen immer und täglich und öfter als oft auf die Straße, nach draußen, stürzen uns ins Getümmel, um dem nachzuspüren, was da Leben heißt, was uns endlich die Unschuld verlieren macht, an die wir uns klammern mit froststeifen Fingern, die wir mit von der Sonne angewärmtem Wasser aus Kübeln benetzen, um sie schadlos zu halten.
Ja, ihr hört richtig: In einer Woche lesen wir mehr als ihr in einem Monat. Und überhaupt haben wir in unseren kurzen, dunklen Existenzen schon weitaus mehr gelesen als ihr in euern kümmerlichen Dekaden, in denen ihr damit beschäftigt wart, Pensionsjahre zu sammeln, einen Staat anfütternd, der euch als Greisinnen und Greise nicht versorgen können wird, selbst, wenn er wollte.

Aufstand der Jugend!, sagt das lyrische Wir.

Man schüttle jede Einmischung ab wie Zwänge.
Wir dulden nicht mehr, dass ihr uns die Gassen verstopft, in euerm Wankelgang schwabbelfetter Hüften. Mit euren unsichtbaren Lasten und eurer seufzenden Migräne. Wir treiben euch aus wie einen Teufel.
Diese Zeit wird böse Kinder züchten.
Es steht zu lesen in den abgekämpften Gesichtern der Supermarktkassierinnen.
Auf den mit Taubenkot gekleisterten bankrotterklärten Pfaden.

Die Jugend wird mit Füßen getreten
Man tritt uns mit Füßen!
Ausgefahrene Stöckelschuhspitzen
Erdolchende Stöße

Die Jugend ist verkannt.
Die künstliche Jugend das Maß aller Dinge.
Zweiundfünfzigjährige, die sich in pubertären Schlabberklamotten gefallen.
Schönheitsoperationen
Wie das schon klingt!
Als könne man Anmut, Haltung, Wirkung operativ hinzufügen.
Ihr mit euerm Jugendwahn.

Skalpellduelle der Doktoren, wer welcher noblen Dame der feinen Gesellschaft die Jochbeine erst in Vollnarkose brechen, dann beim Rekonstruieren verbesserte Rundung schaffen darf. Die Oberlippe aufplustern zu geilem,  prallen Fleisch, das Gönner anlockt, die ihre durch Potenzmittel erzeugten Erektionen in chirurgisch verengte Vaginen blond gefärbten Schamhaars stoßen. Ein letzter, verzweifelter Akt versuchter Erregung.

Man traut der Jugend nichts zu und erwartet von ihr alles.
Nichts traut ihr uns zu.
Vielleicht vor allem in diesem und einigen anderen Ländern.
Nie fragt ihr uns um Rat oder hört, wenn wir sprechen.
Immer tut ihr alles ab als Sturm und Drang, als haltlos und ohne Substanz.

Ihr eingebildeten, verkalkten Talentfreien!
Ihr Beulenpest der Menschheit!
Ihr mit euerm Wendehals, nach steuerbefreiter Zusatzzahlung Ausschau haltend! 
Ihr mit eurer Verschwiegenheitspflicht, was die Wahrheit betrifft.
Aber alles erwarten: Dass wir euch ausbaden, was wir nicht eingebrockt haben. 

Wir sterben unseren kleinen, wüsten Stellvertretertod
Und träumen Traum um Traum um Traum um Traum
Und keiner davon gilt
Traum vom Haus mit Blick und Garten
Traum vom Glück und Traum vom Tier
Traum vom Fliegen, innerlich

Wir sind hundertmal wacher und tausendmal bereiter, für etwas zu sterben, das größer ist als wir. Die Jugend lässt sich dieses Abgekanzeltwerden nicht mehr länger bieten.
Mit sechzehn treten wir professionell auf, anders ist es nicht zu nennen.
Mit siebzehn beten wir das Einmaleins der Marktwirtschaft blind nach. 
Mit achtzehn kleiden wir uns geschmackvoll und den Moden entsprechend. Nahtloser Übergang vom herzigen Kleinkind zum kleinen Erwachsenen, kaum etwas dazwischen.
Seht ihr denn nicht, wie wir uns verrenken, bloß um euch zu gefallen!
Wie wir in viel zu großen Kleidern unsicher den Boden prüfend tapsen, als wäre Wien vereister See und unsere Füße glatte Stummel.
Wie wir strampeln und fuchteln, und trotzdem aufprallen.
Zerfressen von der Idee, eine Persönlichkeit zu werden, sich zur maßgebenden Person zu entwickeln. Jeder von uns könne als tatkräftige Aussage zur Gegenwart fungieren. 
Die Wunschvorstellung verlangt, beruflich erfolgreich, gut betucht zu sein, sich dabei jedoch stets treu zu bleiben, seine Ideale nicht zu verraten. Dazu noch ausgestattet mit einem empathischen Instrumentarium, das es einem ermöglicht, unser Weltgeschehen zu studieren und positiv zu beeinflussen.  
Hochtourige, feinfühlige Menschen, die sich nach bestandener Reifeprüfung vor den größten Fragezeichen ihres bisherigen Lebens wieder finden.
Was tun?
Die Welt steht uns offen.
Wer sein?
Wir sind jung, wir sind gebildet.
Wir können machen, was wir wollen.
Uns von der sich immer schneller vorandrehenden Kapitalismuswalze nicht überrollen lassen!
Nicht an den Meistbietenden unsere Seele verkaufen!
Oder doch Wirtschaft studieren?
Mitmischen im Geldkrieg
Selbstverwirklichung neuerdings mit Naserümpfen bedacht, mittlerweile längst nicht mehr der Weisheit letzter Schluss, auch nicht der anerkannte Modus des aufrechten Lebens.
Wir können alles sein und alles tun, und vor der Summe unserer Möglichkeiten, die uns, geschulterter Vieltonner, erdrückt, resignieren wir, starren betreten unsere Schuhspitzen an.

 

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