Tapetenwechsel?
07.08.2012
» buch

Village People

von Manfred Gram  


Die 23-jährige Niederösterreicherin Vea Kaiser porträtiert in »Blasmusikpop« ein kleines Bergdorf und seine vom Lauf der Zeit verschont gebliebenen Einwohner. Im Zentrum ein Held, der dort nicht hinpasst, obwohl er trotzdem anachronistisch entrückt ist. Bestselleralarm.

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Quelle: The Gap 128


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Es ist nicht gerade ein alltäglicher Anblick, wenn sich über 50 Buchhändler aus ganz Österreich im Hinterzimmer einer Altwiener Gastwirtschaft einfinden. Einem gastronomischen Traditionsort, dem man merklich ansieht, dass sich über die Jahre Gulasch- und Schnitzeldämpfe, Spritzer- und Bierrülpser ins Holz gefressen haben. Was sie in dieser Dichte dort hintreibt? Eine Lesung.

Dass dies eine Lesung aus dem unveröffentlichten Erstlingswerk einer nahezu unbekannten Jungautorin sein wird, macht die Zusammenkunft nicht unbedingt gewöhnlicher. Ebenso, dass man noch nicht sonderlich viel vom aufgehenden Literaturstern weiß. Geburtsjahrgang 1988, einige Stipendien und ein Studium der klassischen und deutschen Philologie sind in der Mini-Biografie angegeben. Ach ja, den Buchtitel kennt man natürlich auch: »Blasmusikpop«. Das Buch jedenfalls, da ist sich der deutsche Verlag vorab ziemlich sicher, ist ein »furioses Debüt«, ein »großer Roman über ein kleines Dorf«. Ähnliche Sätze stehen bald einmal wo drauf. Hier wurde aber, abgesehen von literarischer Qualität, nach eingehender Prüfung wohl auch weiteres Vermarktungspotenzial gesichtet. So etwas führt zu einem kräftigeren Rühren der Werbetrommel als üblich. Inklusive Lesungen vor Buchhändlern, die ja gemeinhin als vertrauenswürdige Personen gelten und nicht selten in persönlichen Beratungsgesprächen den kaufentscheidenden Ausschlag geben. Auftritt Vea Kaiser.

Eine bunter Haufen

Die hoch gewachsene, schlaksige Dame im kurzen Rock und mit langem Haar wird gleich persönlich. Sie habe am heutigen Tag ein sehr wichtiges Examen in Altgriechisch verhaut, erzählt Kaiser. Das, vor allem aber wie sie sich im Moment fühlt, erinnere sie sehr deutlich an ihren Romanhelden Johannes A. Irrwein. Dieser ist ein Musterschüler, hat aber seine Geschichte-Matura versemmelt. Deshalb hat sich Kaiser entschlossen, diese für Buch und Handlung sehr wichtige Passage an diesem Abend ihrem Publikum vorzusetzen und es damit persönlich in den Mikrokosmos ihres Romans einzuführen.

Ein kunterbunter Mikrokosmos übrigens, randvoll mit funkelnden Einfällen und aberwitzigen Episoden aus dem Leben eines Bergdorfes und seiner Einwohner. St. Peter am Anger heißt das nicht einmal 500 Einwohner zählende Kaff auf einem Hochplateau in den fiktiven Sporzer Alpen, das in »Blasmusikpop« porträtiert wird. Dort wimmelt es von komischen Käuzen, die einem doch so unheimlich bekannt vorkommen. Da führt etwa eine übergewichtige Bürgermeisterdynastie Wort. Ein machtsüchtiger Großbauernclan verstärkt seinen Einfluss durch gezielte Heirat. Eine hierarchisch gegliederte Mütterrunde will sich nicht nur beim Kinderkriegen und Kuchenbacken übertrumpfen. Das Leben verläuft zwar in geordneten Bahnen, dennoch ist alles ein wenig neben der Spur.

Der Bergdoktor

Mit Ironie, vor allem aber mit Liebe fürs Skurrile, geht Kaiser dabei zu Werke. Und obgleich die anklagende Härte des Anti-Heimatromans ihre Sache nicht ist, es wird nichts beschönigt und schon gar keine heile Welt herbeigeschrieben. Es ist, wie es ist, und es ist halt so. »Es gibt ja in der österreichischen Moderne die Tradition des Dorf-Bashing. Das sind Texte, die kann ich nicht lesen. Ich mag auch kein Schwarz-Weiß-Denken. Ich mag es lieber bunt. Darum dürfen auch meine Figuren bunt sein«, sagt die Niederösterreicherin, die in »Blasmusikpop« vordergründig drei Generationen von St. Peterianern porträtiert.

 

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