Tapetenwechsel?
17.01.2012
» buch

Netto-Bekanntschaften – die Psychologie der Piste

von der shorty  


Skilehrer Alexander Sever erzählt direkt auf den Punkt von den Mechanismen des Jobs bis hinab zu den bitteren Konsequenzen samt Diagnose Single.

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Österreich. Im Internationalen Spiegel das Land der Klassik. Und das Land der Idylle um den Schnee. Spätestens mit dem Schinken „The Sound of Music“ wurde das Image der glücklich jodelenden Familie dazu vernetzt und es funktioniert noch immer glänzend für den Fremdenverkehr. 

Ein ewig mitschwingender Faktor ist das Klischee des Skilehrers. Der nun mal – krisensicher - benötigt wird, denn wo wird schon auswärts in der Schule der richtige Schwung schon gelehrt? Seit dem Aufkommen des Apre-Ski-Zirkus hat sich das Rad nochmals weitergedreht. Neben den alten Weisen der ewig scharfen Sunny Boys der Piste kam eine Rundum-Behandlung ins Spiel. Ein prominent offensiver Faktor in der Fremdenverkehrs-Werbung, den jemand darstellen muss, den Alltag ausblenden hilft. Alexander Sever war mitten drinnen und lebte die Goldene Zeit des Einkehrschwungs in vollen Zügen nach dem simpel linearen Prinzip von der Piste in die Kiste. Primäres wie bevorzugtes Opfertier ohne zwingender Schonzeit ist das in allen Facetten auftauchende Skihaserl. 

Moderner Casanova

Das Besondere wie Eigenartige an dem Buch "Schneeverhältnisse - Bekenntnisse eines Skilehrers" ist die durchaus direkte Schilderung der Begebenheiten. Entgegen dem meist gepflegten Schweigen des Brettl-Gentlemans nach der Genießer-Doktrin wird hier direkt von der Front berichtet. Nicht, dass man in schlüpfrig erotischen Details versinkt. Viel mehr geht es anhand von einzelnen Abenteuern um die Logik und Strategie des adäquat abstuften Aufrisses. Vom unschuldigen Anfang als frisch gefangener Skilehrer-Rekrut führen die 188 Seiten über die Hochzeit der Begehrlichkeiten ehrlich bis zur Übernahme des Hormon-Mechanismus, der Leere und dem Selbstzweifel aufgrund mangelnder Forderung in einem satten Burn-Out mündend. Skischulen und klassische Orte trachten aus Angst um das Image eher nicht nach solch klaren Worten. Der Sohn des Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer Kärnten legt dabei darauf Wert, dass die gesamte Palette der Facetten in einem ausgewogenen Verhältnis zum Tragen kommt. Stimmt. Beinahe. Dass der amtlich richtige Flirt samt potentiellem Abschluss dabei breiten Raum bekommt, entspricht den Parametern des normalen Arbeitstages. Klassischen Strahlemann ohne Schrammen mit gesunden Zähnen für die Werbung hat Sever dabei nicht gebaut. Der Zynismus der Realität trifft auch Sever selbst immer wieder herb. Ebenso analytisch wie mit zwinkerndem Auge werden grundsätzliche Tipps für die richtige Anmache gegeben. Die Vorauswahl, das Abchecken, das richtige Entree, die wohl getimte Attacke innerhalb der obligaten Woche, Separierung von der Herde und die finale Eindeutigkeit. Merke: Nicht gleich frontal auf den Einser-Hasen zusteuern, strategisch richtig die psychologisch sinnvolle Körpersprache wie den richtigen Witz auswählen, das Momentum für sich konsequent nutzen. Ebenso klar das eigene Alpha-Revier markieren und damit störende Faktoren ausschalten. Apropos Markieren: besser die Shots forcieren und nicht zuviel Flüssigkeit zu sich nehmen. Siehe Momentum verpassen. Und dann wäre natürlich auch eine gewisse Weitsicht. Diese lässt einen die örtlichen Servierkörper auslassen, denn man möchte vor Ort nicht das letzte Mal ungestört dem Spiel frönen. 

It’s a Dirty Job but Somebody's Gotta Do It

Es steht geschrieben und ist bestätigt, dass es sich hier um wahre Gegebenheiten von Sever und seinen Kollegen handelt. Quasi als persönlich lächelnder Rückblick, weniger als demaskierender Aufdecker als Diss für eine gesamte Berufsgruppe. Wenn der geprüfte Schilehrer in real vor einem steht, kommen auch keine Zweifel auf, dass der nicht wüsste, wie der Jackpot mit einem laschen Zweier-Paar in der Hand doch noch sicher ins Bett gespielt wird. Von Mutter Natur durchaus nicht benachteiligt und mit einem gewinnenden Gemüt ausgestattet, ist ihm das passiert, was nicht so primär am Plan des Studiums stand. Als Student der Sportwissenschaften und Informatik öffnete sich mehr zufällig über das USI (Universitätssportinstitut Wien) die Pforte zum lockeren Leben auf den Pisten. Schnell greift der Spaß um sich, fesselt die Seele, schiebt andere Prioritäten beiseite und gewinnt schlussendlich extrovertiert als gespaltene Seele für zwölf Jahre Oberhand. Gleich einer Droge, der man willig bei wenig Selbstreflexions-Vermögen in den Untergang folgt. Aufgefressen und leer bekommt man die Diagnose Single. Doch wenn das Leben schon mal so freundlich fragt, fällt die Verweigerung doppelt schwer. Steht vielleicht nicht einmal zur Diskussion. Heute ist Autor Sever nach einem herben Ski-Unfall (aus Eigenverschulden) übrigens Dozent für Sportgeräte-Design an der Universität und noch immer liebend gerne auf allen Pisten. Ski Heil!

 

Alexander Sever
"Schneeverhältnisse"

Edition a
EUR 19,95

 

Textauszüge  aus  „Schneeverhältnisse“   
 
Nachdem  wir  einige  Minuten  geplaudert  hatten,  war  es  nur  logisch,  dass  wir  unsere Drinks,  als  sie  endlich  da  waren,  gemeinsam  konsumierten.  Ich  spulte  das  ganze Programm  ab,  das  ich  schon  hunderte  Male  auf  der  Skihütte  geübt  hatte.  Hand  kurz  auf die  Schulter  legen.  Hand  wieder  wegnehmen.  Das  Gespräch  ins  Zweideutige  abdriften lassen.  Ihre  Antwort  ins  Gegenteil  verdrehen  und  so  weiter  und  so  fort.  Ich  weiß  nicht, wie  viele  Wodka  Lemons  sie  und  wie  viele  Tequilas  ich  gekippt  hatte.  Als  wir  auf  die  Uhr sahen,  war  es  halb  zwei.  
»Ich  muss  heim«,  sagte  sie  und  überprüfte  den  Inhalt  ihrer  Handtasche. Ich  ging  aufs  Ganze.  Mehr  als  Nein  sagen,  konnte  sie  ja  nicht. »Dass  du  verheiratet  bist,  ist  mir  schon  klar.  Ich  wollte  dir  trotzdem  sagen,  dass  ich  dich total  gerne  wiedersehen  würde.  Irgendwo,  wo  es  nicht  so  stressig  ist  und  wo  wir  in  Ruhe miteinander  reden  können.  Wir  könnten  das  zum  Beispiel  mit  einem  gemeinsamen Abendessen  verbinden.  Ich  schreibe  dir  einfach  meine  Handynummer  auf,  und  wenn  du Lust  hast,  meldest  du  dich,  okay?«  Ich  kritzelte  meine  Nummer  auf  einen  Flyer,  der  auf der  Bar  herumlag,  küsste  sie  links  und  rechts  auf  die  Wange,  sagte  »Komm  gut  heim« und  verschwand  dann  aufs  Klo.  
Apropos  Klo.  Wenn  du  mit  einer  Lady,  die  du  begehrst,  an  der  Bar  stehst,  darfst  du niemals  Bier  trinken. Du  trinkst  am  besten  Shots,  Klassiker  wie  Gin-­‐Tonic oder  Tequila.  Um  Bier  zu  trinken,  hast  du  in  Gesellschaft  einer  Frau  an  der  Bar  einfach  nicht  die  Zeit. Der  Zeitfaktor  spielt  eine  wesentliche  Rolle.  Vor  allem  auf  der  Skihütte,  auf  der  es  darum geht,  sich  in  möglichst  kurzer  Zeit  möglichst  heftig  zu  berauschen.  Wenn  du  da  zwanzig Minuten  an  einem  Bier  nippst,  ist  die  Frau,  die  du  eben  noch  beeindrucken  wolltest, längst  über  alle  Berge.  Wenn  du  dann  auch  noch  ständig  Pinkelpausen  einlegen  musst, ist  das  nicht  nur  lästig  für  dich,  sondern  vor  allem  auch  für  die  Frau.  Ganz  abgesehen davon,  dass  du  damit  das  Feld  einem  potenziellen  Rivalen  überlässt.  Daher  beim  Aufriss nur  harte  Getränke.  Pinkeln  kannst  du  immer  noch,  nachdem  die  Lady  sich verabschiedet  hat.  Im  allerschlimmsten  Fall  nimmst  du  sie  einfach  mit  aufs  Klo.  So  weit  waren  Julia  und  ich  allerdings  noch  nicht.  Nach  wenigen  Tagen  trudelte  aber  eine  SMS  von  ihr  ein.  
 
Was  auch  immer  du  vorhast  …  ich  bin  in  einer  glücklichen  Beziehung,  aber  ich  würde dich  sehr  gern  wiedersehen.  Morgen  Abend  hätte  ich  Zeit.  Julia
 
Ich  schlug  vor,  dass  wir  uns  um  19.00  Uhr  in  einer  gehobenen  Pizzeria  in  der  Nähe meines  Studentenheims  trafen.  Manuel  hatte  ich  mit  einer  Theaterkarte  für  ein kompliziertes  Stück  bis  Mitternacht  beschäftigt. Uhrzeit  und  Ort  sind  bei  einem  Date  ganz  wesentlich.  Wenn  wirklich  etwas  passieren sollte,  ging  ich  am  Abend  mit  der  betreffenden  Frau  Essen  und  danach  am  besten  noch etwas  trinken.  Damit  sollte  auch  ein  Lokalwechsel  verbunden  sein,  ideal  war  eine Cocktailbar.  Ganz  klar  war  auch:  Wenn  ich  es  nach  dem  dritten  Date  nicht  geschafft hatte,  die  Lady  ins  Bett  zu  kriegen,  vergaß  ich  die  ganze  Sache.  Es  war  nur  schade  um  die Zeit.
 
Wenn  ich  mit  einer  neuen  Gruppe  auf  der  Piste  stand,  hatte  ich  beim  Aufwärmen  nie  die Skibrille  auf  der  Nase,  sondern  ich  hatte  sie  immer  nach  oben  geschoben.  So  konnte ich gleich  erkennen,  welches  Mädel  gern  flirtete  und  welches  schüchtern  war.  Je übertriebener  ich  dieses  erste  Abtasten  der  Gruppe  betrieb,  umso  authentischer  waren die  Reaktionen  der  Teilnehmer.  Wenn  etwa  eine  Gruppe  aus  sechs  Frauen  und  zwei  Männern  bestand,  sagte  ich  als Erstes  etwas  Blödes  zu  den  Männern.  Erstens,  um  zu  sehen,  wie  sie  reagierten,  vor allem  aber,  um  die  Mädels  auf  meine  Seite  zu  ziehen  und  so  gleich  einmal  das  Revier abzustecken.  Dafür  reichte  ein  simpler  Satz  an  zwei  Kursteilnehmer  gerichtet.  
»Ihr  zwei  passt  ja  ganz  wunderbar  zusammen,  ihr  werdet  in  dieser  Woche  sicher  noch ein  super  Pärchen.«  Das  war  zwar  meistens  völlig  aus  der  Luft  gegriffen,  aber  damit hatte  ich  immer  die  Lacher  auf  meiner  Seite,  vor  allem  die  der  Mädels.  Nur  darauf kommt  es  schließlich  an.  An  der  Reaktion  der  Jungs  konnte  ich  auch  gleich  erkennen,  ob sie  als  Konkurrenz  ernst  zu  nehmen  waren  oder  nicht. Ich  streute  auch  am  ersten  Tag  auf  der  Piste,  wenn  alle  noch  ein  bisschen  verkatert  von der  Begrüßungsparty  waren,  immer  die  sogenannte  »R‐Frage«  ein.  Ich  strahlte  meine Gruppe  an  und  stellte  die  Frage  ganz  direkt.  »Damit  wir  uns  ein  bisschen  besser  kennenlernen:  Wer  ist  verliebt,  wer  verlobt,  wer verheiratet,  wer  lebt  in  einer  glücklichen  Beziehung,  wer  will  hier jemanden kennenlernen  und  wer  hat  in  dieser  Woche  gerade  die  Regel?«  
Die  Mädels,  die  vergeben  waren,  posaunten  es  natürlich  sofort  heraus.  Wer  Single  war, behielt  das  lieber  für  sich.  Alle  die,  die  krampfhaft  auf  den  Boden  starrten,  hatten  gerade ihre  Tage. Diese  Frage  forderte  die  Mutigen  heraus.  Sie  erkundigten  sich  dann  meistens,  warum  ich so  etwas  wissen  wolle  und  was  mich  denn  das  überhaupt  angehe.  Darauf  grinste  ich  nur und  meinte,  dass  Frauen,  die  ihre  Tage  haben,  immer  ein  bisschen  launisch  seien.  »Für die  werde  ich  wohl  einmal  einen  Extratag  machen  müssen.«  An  den  Reaktionen  der Mädels  erkannte  ich  gleich,  wer  wie  tickte. Schon  beim  Kennenlernen  am  Beginn der Woche  muss  der  Skilehrer  klarstellen,  dass  er zwar  derjenige  ist,  der  von  jetzt  an  eine  Woche  lang  das  Sagen  hat,  aber  auch  derjenige, der  Spaß  versteht.  Natürlich  brachte  ich  mit  solchen  Bemerkungen  die  Leute  zum Nachdenken.  Die  Jungs  dachten:  Wow,  der  traut  sich  was!  Damit  hatte  ich  die potenzielle Konkurrenz  meist  schon  eliminiert. Lustigerweise  dachte  bei  dieser  Frage  nie  jemand  an  das  Naheliegendste.  Klar,  wenn  ich eine  solche  Frage  aus  heiterem  Himmel  stellte, brauchten  alle  ein  paar  Sekunden  zum Nachdenken,  um  sich  eine  Antwort  zu überlegen. Ganz  ehrlich,  für  jemanden,  der  eine  von  seinen  Schülerinnen  ins  Bett  kriegen will,  ist es  aber  essenziell,  gleich  am Beginn  der  Woche  über  zwei  Dinge  Bescheid  zu  wissen: Welche  Mädels sind  vergeben  und  welche  haben  ihre  Tage? Sex  mit  Frauen,  die  gerade  menstruieren,  ist  so  eine  Sache.  Manche  stehen  darauf,  vielen ist  es  egal  und  einige  finden  es  widerlich.  Für  mich  wäre  eine  Frau,  die  gerade  ihre  Tage hatte,  einfach  eine  unnötige  Verkomplizierung  von  prinzipiell  sehr  einfachen  Dingen gewesen.  Ich  wollte  schließlich  Spaß  haben,  da  machte  ich  mir  das  Leben  nicht  unnötig schwer. 

 

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